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„Du verstehst mich nicht“, sagt die Liebe zur Ehe, „du machst mich zum Gegenstand eines Vertrags, eines behördlichen Vorgangs, eines amtlichen Papiers, das du unter Zeugen unterschreiben lässt, als würdest du mir nicht trauen.“
„Aber nein“, widersprach die Ehe, „gerade weil ich dir traue, werde ich geschlossen.

Gerade weil ich glaube, dass du dem Wechsel der guten und schlechten Zeiten standhalten wirst, existiere ich. Denn die Liebenden willigen in meinem Bund ein, weil sie ein Leben lang zusammenbleiben wollen.“
Die Liebe lächelte. „Was Liebende wollen, hat noch nie eine Bedeutung für mich gehabt. Ich komme und gehe, wann es mir beliebt, und keine Fesseln, keine Ketten, keine Dokumente und Vertrauensunterschriften können mich halten, wenn ich es nicht mehr aushalte. Eine Heirat mag manche Wirkungen haben, aber nicht auf mich.“
„Du hältst dich wohl für etwas Besseres!“ warf die Ehe verärgert der Liebe vor.
Die Liebe antwortete: „Ich bin etwas anderes. Du bist eine Erfindung der Gesellschaft, ich bin ein Bedürfnis des Herzens, eine Kraft der Seele. Ich bin ursprünglich, wesentlich, natürlich. Du bist etwas Künstliches. Ich bin ein rauschendes Fest der Gefühle. Du bist eine nüchterne Institution.“
„Und warum gehen dann so viele Menschen meinen Bund ein?“ fragt die Ehe.
„Ich habe es dir schon gesagt: Weil sie mich nicht verstehen“, erwiderte die Liebe. „Die Gesellschaft hat nicht an mich gedacht, als sie dich erfand, sondern an ihren eigenen Nutzen. Sie hat nicht verstanden, dass man mich nicht vor den Karren einer Einrichtung, dass man mich vor keinen Karren spannen darf, weil man mir damit meine Freiheit nimmt – und ohne Freiheit bin ich nur noch ein Schatten meiner selbst.“
„Aber was so viele Menschen auf der ganzen Welt seit Jahrtausenden tun, kann nicht falsch sein“, wandte die Ehe ein.
„Doch“, sagte die Liebe, „denn die führen auch seit Jahrtausenden Kriege.“
„Was sollten die Menschen“, fragte die Ehe, „deiner Meinung nach tun, um dich besser zu verstehen?“
„Sie sollten meine Freiheit achten“, sagte die Liebe.
„Sie sollten erkennen, dass ich ihnen keine Sicherheit bieten, keine Zukunft garantieren, dass ich ihnen nichts versprechen kann. Ich halte die schönsten Geschenke für sie bereit, die das Leben zu vergeben hat, aber wenn sie beginnen, sie von mir zu forder, werde ich sie ihnen verweigern. Ich entfalte mich am besten und schönsten in einem Klima des Vertrauens, und wenn zwei Liebende einen Ehevertrag abschließen, kann ich nur traurig den Kopf schütteln, denn wer mich zum Gegenstand einer amtlichen Vereinbarung macht, beleidigt mich, verkennt mich, weiß nicht, wer ich wirklich bin.“
„Kannst du denn gar nichts Gutes an mir finden?“ fragte die Ehe.
„Das Gute an dir“, sagte die Liebe, „ist deine Hintertür, die man im allgemeinen Scheidung nennt.“
„Du gehst nicht besonders lieb mit mir um“, warf die Ehe der Liebe vor.
„Tu doch nicht so, als sei dir an mir gelegen“, erwiderte die Liebe. „Du willst nicht mich, du willst Sicherheit. Ich habe Glück zu vergeben, aber keine Sicherheit zu bieten. Du suchst Beständigkeit. Ich habe das wahre Leben zu verschenken, aber mit Beständigkeit kann ich nicht dienen. Du gibst in meinem Namen den Menschen Versprechen, die ich nicht halten kann, erweckst in ihnen Illusionen, die ich schweren Herzens zerstören muss. Wie sollte ich da lieb mit dir umgehen können?“
„Weil du die Liebe bist“, sagte die Ehe. „Du musst immer lieb sein.“
„Nein“, sagte die Liebe, „ich muss immer ich selbst sein.“

Auszug aus dem Buch: „Das goldene Buch der Liebe“ von Hans Kruppa

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